Hinweis: JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert. Einige Funktionen dieser Website stehen daher nur eingeschränkt zur Verfügung.

CE-Kennzeichnung und Risikobeurteilung mit KI: Chancen, Risiken und rechtliche Grenzen

Kann KI die CE-Kennzeichnung und Risikobeurteilung übernehmen? Analyse der Möglichkeiten, technischen Grenzen und rechtlichen Risiken bei KI-gestützter Konformitätsbewertung.

Inhaltsverzeichnis

KI im Konformitäts­bewertungs­prozess – Versprechen und Realität

Künstliche Intelligenz verspricht Effizienzsteigerungen in nahezu allen Unternehmensbereichen. Auch im hochregulierten Bereich der CE-Kennzeichnung und Risikobeurteilung werden KI-Tools zunehmend als potenzielle Lösung diskutiert. Die Verlockung ist nachvollziehbar: Zeitdruck bei Produkteinführungen, komplexe normative Anforderungen, Fachkräftemangel in der technischen Dokumentation und Maschinensicherheit – KI scheint hier Abhilfe zu versprechen.

Die zentrale Frage lautet: Kann künstliche Intelligenz die CE-Kennzeichnung vereinfachen oder gar die Risikobeurteilung eigenständig durchführen?

Die Antwort ist differenziert: KI kann in bestimmten Teilbereichen unterstützen, recherchieren und dokumentieren helfen. Eine vollständige, rechtskonforme Risikobeurteilung nach EN ISO 12100 oder eine eigenständige CE-Konformitätsbewertung kann sie jedoch nicht leisten – aus technischen, methodischen und rechtlichen Gründen.

Dieser Artikel analysiert objektiv:

  • Welche Rolle die Risikobeurteilung im CE-Prozess spielt
  • Was KI-Tools heute tatsächlich leisten können
  • Wo fundamentale technische und rechtliche Grenzen bestehen
  • Welche Haftungsrisiken bei unsachgemäßer KI-Nutzung entstehen
  • Wie KI sinnvoll als Werkzeug – nicht als Ersatz – eingesetzt werden kann

Die Schlussfolgerung basiert nicht auf einer grundsätzlichen Ablehnung von KI, sondern auf der Analyse der spezifischen Anforderungen an Risikobeurteilungen und CE-Konformitätsbewertungen, die ein tiefes Produktverständnis, aktuelle Normkenntnis und die Übernahme rechtlicher Verantwortung erfordern.

Was ist die CE-Kennzeichnung?

Die CE-Kennzeichnung ist die sichtbare Bestätigung des Herstellers, dass ein Produkt alle anwendbaren EU-Richtlinien und Verordnungen erfüllt. Sie ist keine Qualitätsauszeichnung, sondern eine rechtliche Voraussetzung für das Inverkehrbringen von Produkten im Europäischen Wirtschaftsraum.

Mehr erfahren: CE-Kennzeichnung: Pflicht oder Chance?

Die zentrale Rolle der Risikobeurteilung

Die Risikobeurteilung ist das Herzstück der CE-Konformitätsbewertung für Maschinen und viele andere Produkte. Sie ist gesetzlich vorgeschrieben durch:

  • Maschinenrichtlinie 2006/42/EG (bis 19.01.2027)
  • Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 (ab 20.01.2027)

Die Risikobeurteilung muss:

  • Alle Gefährdungen über den gesamten Lebenszyklus identifizieren
  • Risiken systematisch bewerten
  • Schutzmaßnahmen nach dem 3-Stufen-Prinzip festlegen
  • Restrisiken dokumentieren und in die Betriebsanleitung übernehmen
  • Von fachkundigen Personen durchgeführt werden

Wichtig: Ohne vollständige, fachgerechte Risikobeurteilung gibt es keine rechtskonforme CE-Kennzeichnung.

Mehr erfahren: Risikobeurteilung für Maschinen und Anlagen

Rechtliche Grundlagen

EN ISO 12100 ist die zentrale harmonisierte Norm für die Risikobeurteilung von Maschinen. Sie definiert:

  • Grundbegriffe der Maschinensicherheit
  • Systematische Methodik zur Risikobeurteilung
  • Anforderungen an Risikominderungsmaßnahmen
  • Dokumentationspflichten

Die Norm befindet sich aktuell in Überarbeitung (prEN ISO 12100:2024), um Aspekte wie Digitalisierung, Cybersecurity und KI-Systeme in Maschinen zu berücksichtigen.

Hinweis: Die Überarbeitung adressiert KI als Risikofaktor in Maschinen, nicht als Werkzeug zur Erstellung von Risikobeurteilungen.

Sie möchten KI sinnvoll in Ihre CE-Prozesse integrieren – ohne rechtliche Risiken einzugehen?

Jetzt Webinar oder Individualschulung mit unseren Experten buchen.

Der Prozess der Risiko­beurteilung nach EN ISO 12100

Die Risikobeurteilung folgt einem strukturierten, iterativen Prozess:

1. Festlegen der Maschinengrenzen

Definition:

  • Bestimmungsgemäße Verwendung
  • Vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung
  • Räumliche, zeitliche und weitere Grenzen

Was erforderlich ist:

  • Detaillierte Kenntnis der Maschinenkonstruktion
  • Verständnis der Einsatzumgebung
  • Analyse möglicher Nutzungsszenarien

KI-Problem: KI kennt weder die spezifische Maschine noch deren geplanten Einsatzkontext.

2. Gefährdungsidentifikation

Systematische Ermittlung aller Gefährdungen:

  • Mechanische Gefährdungen (Quetschen, Scheren, Schneiden, Einziehen)
  • Elektrische Gefährdungen
  • Thermische Gefährdungen
  • Lärm und Vibration
  • Ergonomische Gefährdungen
  • Gefahrstoffe
  • Kombinierte und neue Gefährdungen

Besondere Herausforderungen:

  • Gefährdungen in allen Lebensphasen (Transport, Montage, Betrieb, Wartung, Abbau)
  • Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Gefährdungen
  • Nicht offensichtliche Gefährdungen durch spezielle Konstruktionsmerkmale

KI-Problem: Gefährdungsidentifikation erfordert physische Inspektion, Konstruktionsverständnis und Erfahrungswissen.

3. Risikoeinschätzung

Für jede identifizierte Gefährdung wird das Risiko bewertet anhand von:

  • Schadensausmaß (Schweregrad möglicher Verletzungen)
  • Eintrittswahrscheinlichkeit (abhängig von Exposition, Gefährdungssituation und Vermeidbarkeit)

Werkzeuge:

  • Risikographen
  • Risikomatrizen
  • Performance Level (PL) nach EN ISO 13849-1

KI-Problem: Bewertung erfordert produktspezifische Kenntnisse über Nutzungshäufigkeit, Schutzmaßnahmen und technische Details.

4. Risikobewertung

Entscheidung: Ist das Risiko akzeptabel oder muss es reduziert werden?

Kriterien:

  • Einhaltung rechtlicher Vorgaben
  • Vergleich mit Stand der Technik
  • Berücksichtigung von Best Practices

KI-Problem: Bewertung erfordert Urteilsvermögen, Branchenkenntnis und rechtliches Verständnis.

5. Risikominderung nach der 3-Stufen-Methode

Stufe 1: Inhärent sichere Konstruktion (ISK)

  • Konstruktive Beseitigung der Gefährdung
  • Beispiel: Abstand statt Schutzgitter

Stufe 2: Technische Schutzmaßnahmen (TES)

  • Schutzeinrichtungen (trennend, nicht-trennend)
  • Sicherheitssteuerungen
  • Beispiel: Lichtvorhang, NOT-AUS

Stufe 3: Benutzerinformationen (BNI)

  • Warnhinweise
  • Betriebsanleitungen
  • Schulungen

KI-Problem: Auswahl und Auslegung von Schutzmaßnahmen erfordert technisches Konstruktionswissen und Machbarkeitsabwägungen.

6. Dokumentation

Die gesamte Risikobeurteilung muss nachvollziehbar dokumentiert werden:

  • Identifizierte Gefährdungen
  • Bewertete Risiken
  • Getroffene Schutzmaßnahmen
  • Restrisiken für die Betriebsanleitung

KI-Problem: Dokumentation erfordert inhaltliche Korrektheit und Vollständigkeit – nicht nur formale Struktur.

Mehr erfahren: Risikobeurteilung für Maschinen und Anlagen

Was können KI-Tools theoretisch leisten?

KI-Systeme haben in bestimmten Bereichen durchaus unterstützende Funktionen im CE-Prozess:

1. Recherche und Informationsbeschaffung

Was KI kann:

  • Allgemeine Informationen zu Normen und Richtlinien zusammenfassen
  • Öffentlich verfügbare Leitfäden finden
  • Übersichten zu typischen Gefährdungen bei bestimmten Maschinentypen geben

Beispiel: Frage: „Welche Gefährdungen sind bei Pressen typisch?“ KI-Antwort: Generische Liste mechanischer Gefährdungen (Quetschen, Scheren), elektrischer Risiken, Lärmbelastung

Grenzen:

  • Keine Kenntnis kostenpflichtiger harmonisierter Normen
  • Keine produktspezifischen Gefährdungen
  • Keine Berücksichtigung individueller Konstruktionsmerkmale

2. Vorschläge für mögliche Gefährdungen (generisch)

Was KI kann:

  • Checklisten typischer Gefährdungen für allgemeine Maschinentypen vorschlagen
  • Standard-Gefährdungskataloge nach Maschinenart generieren

Beispiel: „Erstelle eine Gefährdungsliste für eine CNC-Fräsmaschine“ → KI liefert generische Aufzählung: Rotierende Werkzeuge, Späne, Lärm, elektrische Anschlüsse

Grenzen:

  • Keine Berücksichtigung spezifischer Bauweise, Antriebe, Steuerungen
  • Keine Analyse kundenspezifischer Varianten
  • Keine Identifikation nicht-offensichtlicher Gefährdungen

3. Unterstützung bei der Dokumentation

Was KI kann:

  • Strukturvorschläge für Risikobeurteilungs-Dokumente
  • Formulierungshilfen für Gefährdungsbeschreibungen
  • Tabellarische Aufbereitung von Informationen

Beispiel: KI kann eine Excel-Vorlage mit Spalten wie „Gefährdung“, „Risikobewertung“, „Schutzmaßnahme“, „Restrisiko“ erstellen.

Grenzen:

  • Keine inhaltliche Prüfung der Einträge
  • Keine Gewährleistung der Vollständigkeit

4. Übersetzung und Terminologie

Was KI kann:

  • Übersetzung von Gefährdungsbeschreibungen in andere Sprachen
  • Terminologievorschläge für mehrsprachige Dokumentation

Grenzen:

  • Fachterminologie muss fachlich geprüft werden
  • Normspezifische Begriffe können falsch übersetzt werden

5. Literaturrecherche zu Sicherheitsthemen

Was KI kann:

  • Zusammenfassungen öffentlicher Publikationen
  • Identifikation relevanter Themenbereiche

Grenzen:

  • Wissensstichtag (z. B. Januar 2025)
  • Keine Erfassung aktuellster Normänderungen
  • Keine Zugriff auf kostenpflichtige Normen-Datenbanken

Konkrete Beispiele aktueller KI-Anwendungen

KI-Tool
Einsatzbereich
Stärken
Grenzen
ChatGPT / Claude / Gemini / Copilot
Allgemeine Recherche, Formulierungshilfe
Schnelle Informationsbeschaffung, gute Sprachqualität
Keine produktspezifischen Kenntnisse, Halluzinationen
DeepL / Google Translate
Übersetzung
Hochwertige Rohübersetzungen
Fachterminologie muss geprüft werden
KI-Recherche-Tools (Perplexity)
Normen- und Literaturrecherche
Zusammenfassung öffentlicher Quellen
Keine kostenpflichtigen Normen, Aktualitätsproblem
Document Intelligence (Azure AI)
Dokumentenanalyse
Extraktion strukturierter Daten aus vorhandenen Dokumenten
Keine inhaltliche Bewertung

Fazit: KI kann bei Recherche, Strukturierung und Formulierung unterstützen, jedoch keine eigenständige fachliche Beurteilung durchführen.

Kritische Limitationen von KI bei der Risikobeurteilung

Die spezifischen Anforderungen an Risikobeurteilungen stellen KI-Systeme vor fundamentale Herausforderungen:

1. Maschinenspezifisches Wissen fehlt

Das Kernproblem: KI-Modelle sind auf allgemeinen Textdaten trainiert. Sie haben keinen Zugriff auf:

  • ❌ Konstruktionszeichnungen Ihrer spezifischen Maschine
  • ❌ CAD-Daten, Stücklisten, technische Spezifikationen
  • ❌ Pneumatik- und Hydraulikpläne
  • ❌ Elektrische Schaltpläne und Steuerungsprogramme
  • ❌ Informationen über verbaute Komponenten und deren Hersteller
  • ❌ Kundenspezifische Anpassungen und Varianten

Konsequenz: Eine KI kann beschreiben, wie „eine hydraulische Presse“ generell funktioniert – aber sie kennt nicht die spezifischen Gefahrenstellen, Antriebskonfigurationen, Schutzeinrichtungen oder Sonderfunktionen Ihrer Presse Modell XYZ-3000 in der kundenspezifischen Ausführung mit optionaler Werkzeugwechselstation.

Praxisbeispiel:

  • KI-Vorschlag: „Gefährdung durch bewegliche Teile“
  • Erforderlich: „Quetschgefahr zwischen Stößel und Werkzeugtisch im Bereich X (siehe Zeichnung 123-456), Einzugsgefahr an Antriebsriemen Y bei geöffneter Seitentür, Schergefahr an Werkzeugwechsler-Greifer Z“

2. Normkenntnis ist unvollständig und veraltet

Problem bei harmonisierten Normen:

Harmonisierte Normen sind urheberrechtlich geschützt und kostenpflichtig:

  • DIN EN ISO 12100 (Risikobeurteilung)
  • EN ISO 13849-1 (Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen)
  • EN 60204-1 (Elektrische Ausrüstung von Maschinen)
  • Hunderte produktspezifische C-Normen (z. B. EN 692 für Pressen)

Diese Normen sind:

  • Nicht in KI-Trainingsdaten vollständig enthalten
  • Regelmäßig aktualisiert – KI-Modelle haben einen festen Wissensstichtag
  • Komplex interpretierbar – erfordern Fachkenntnis zur Anwendung

Beispiel: Die EN ISO 12100 wird aktuell überarbeitet (prEN ISO 12100:2024), um Digitalisierung, Cybersecurity und KI-Systeme zu berücksichtigen. KI-Modelle mit Wissensstichtag Januar 2025 kennen möglicherweise diese Änderungen nicht vollständig.

Wichtige Differenzierung:

Dokumenttyp
Verfügbarkeit
KI-Kenntnis
EU-Verordnungen (z. B. Maschinenverordnung 2023/1230)
Öffentlich (EUR-Lex)
✅ Theoretisch möglich
Harmonisierte Normen (z. B. EN ISO 12100)
Kostenpflichtig (Beuth, DIN)
❌ Nicht
Produktspezifische C-Normen
Kostenpflichtig
❌ Nicht vollständig
Technische Spezifikationen (TS)
Kostenpflichtig
❌ Nicht verfügbar

Konsequenz: KI kann allgemeine Prinzipien beschreiben („Risikobeurteilung sollte Gefährdungen identifizieren“), aber keine normkonforme Umsetzung für Ihre spezifische Maschine garantieren.

Praxisbeispiel:

  • KI-Aussage: „Führen Sie eine Risikobeurteilung durch“
  • Erforderlich: Anwendung der EN ISO 12100:2010+A1:2024, Berücksichtigung der EN 692:2005+A1:2009 (Pressen), Umsetzung der Performance-Level-Berechnung nach EN ISO 13849-1:2023

3. Gefährdungsanalyse erfordert Erfahrung und physische Inspektion

Warum menschliche Expertise unverzichtbar ist:

a) Identifikation nicht-offensichtlicher Gefährdungen

Erfahrene Sicherheitsingenieure erkennen:

  • Gefährdungen durch ungewöhnliche Bediensituationen
  • Risiken bei Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten
  • Gefährdungen durch Kombination mehrerer Einzelrisiken
  • Risiken bei vorhersehbarer Fehlanwendung

Beispiel: Bei einer Abkantpresse kann eine Gefährdung entstehen, wenn ein Bediener bei eingelegtem Werkstück die Schutzeinrichtung umgeht, um das Werkstück nachzurichten – eine Situation, die nur mit Erfahrungswissen und Kenntnis der Praxis erkennbar ist.

b) Berücksichtigung des gesamten Produktlebenszyklus

Gefährdungen existieren in allen Phasen:

  • Transport: Kippgefahr, Gewicht, Schwerpunkt
  • Montage: Elektrische Anschlüsse unter Spannung, Hebearbeiten
  • Inbetriebnahme: Fehlerhafte Parametrierung, Probelauf
  • Bestimmungsgemäßer Betrieb: Normale Bedienung
  • Störungsbeseitigung: Zugang zu gefährlichen Bereichen
  • Wartung: Arbeiten an laufender Maschine, Restenergie
  • Reinigung: Kontakt mit Gefahrstoffen
  • Außerbetriebnahme: Demontage, Entsorgung

KI-Problem: Ohne physische Anwesenheit und Konstruktionskenntnis können diese Phasen nicht vollständig analysiert werden.

c) Vorhersehbare Fehlanwendung

EN ISO 12100 fordert die Berücksichtigung von „vernünftigerweise vorhersehbarer Fehlanwendung“:

  • Nutzung ohne ausreichende Qualifikation
  • Deaktivierung von Schutzeinrichtungen
  • Verwendung falscher Werkzeuge oder Parameter
  • Nichtbeachtung von Betriebsanleitungen

KI-Problem: Vorhersage von Fehlverhalten erfordert Kenntnis menschlicher Faktoren, Betriebspraxis und Erfahrungswissen aus Unfallanalysen.

d) Interaktion zwischen Mensch und Maschine

Moderne Risikobeurteilungen müssen ergonomische und kognitive Aspekte berücksichtigen:

  • Bedienfreundlichkeit von Steuerungen
  • Sichtbarkeit kritischer Bereiche
  • Erreichbarkeit von NOT-AUS-Einrichtungen
  • Mentale Belastung bei komplexen Bedienvorgängen

KI-Problem: Bewertung erfordert ergonomische Fachkenntnis und Beobachtung realer Bediensituationen.

4. Risikoeinschätzung ist komplex und kontextabhängig

Herausforderungen bei der Risikobewertung:

Bewertung von Schadensausmaß

  • Welche Verletzungsschwere ist bei einer Gefährdung zu erwarten?
  • Sind reversible oder irreversible Verletzungen möglich?
  • Besteht Lebensgefahr?

Beispiel: Quetschgefahr an einer Stelle mit geringer Kraft → leichte Verletzung (S1) Quetschgefahr zwischen Stößel und Werkzeugtisch → schwere oder tödliche Verletzung (S2)

KI-Problem: Bewertung erfordert Kenntnis der tatsächlichen Kräfte, Geschwindigkeiten und Geometrien.

Bewertung von Eintrittswahrscheinlichkeit

Abhängig von:

  • Exposition: Wie häufig und wie lange ist jemand der Gefährdung ausgesetzt?
  • Möglichkeit zur Vermeidung: Ist die Gefährdung erkennbar? Ist Ausweichen möglich?
  • Eintrittswahrscheinlichkeit der Gefährdungssituation: Wie wahrscheinlich tritt die Situation ein?

Beispiel:

  • Wartung einmal pro Jahr für 10 Minuten → geringe Exposition
  • Bedienung 8 Stunden täglich → hohe Exposition

KI-Problem: Diese Informationen sind maschinenspezifisch und hängen von der Betriebsweise ab.

Anwendung von Risikographen

Nach EN ISO 13849-1 werden Performance Level (PL) berechnet anhand von:

  • Schweregrad der Verletzung (S)
  • Häufigkeit und Dauer der Gefährdungsexposition (F)
  • Möglichkeit zur Vermeidung der Gefährdung (P)

KI-Problem: Die Zuordnung erfordert produktspezifische Kenntnisse und ingenieurmäßiges Urteilsvermögen.

5. Risikominderung benötigt konstruktive Lösungen

Das 3-Stufen-Prinzip in der Praxis:

Stufe 1: Inhärent sichere Konstruktion (ISK)

Beispiele:

  • Vergrößerung von Abständen, um Zugang zu verhindern
  • Begrenzung von Kräften und Geschwindigkeiten
  • Verwendung ungefährlicher Materialien

KI-Problem:

  • KI kann keine Konstruktionsänderungen vornehmen
  • Keine Bewertung der technischen Machbarkeit
  • Keine Abwägung zwischen Sicherheit, Funktion und Kosten

Stufe 2: Technische Schutzmaßnahmen (TES)

Auswahl geeigneter Schutzeinrichtungen:

  • Trennende Schutzeinrichtungen (Zäune, Türen)
  • Nicht-trennende Schutzeinrichtungen (Lichtvorhänge, Scanner)
  • Sicherheitssteuerungen (NOT-AUS, Zweihandschaltung)

KI-Problem:

  • Welche Schutzeinrichtung ist für diese spezifische Gefährdung geeignet?
  • Wie wird der erforderliche Performance Level erreicht?
  • Welche Normen gelten für die Auslegung?

Stufe 3: Benutzerinformationen (BNI)

Erstellung von:

  • Sicherheitshinweisen in der Betriebsanleitung
  • Warnaufklebern auf der Maschine
  • Schulungsunterlagen

Hinweis: Die Erstellung von Betriebsanleitungen mit KI wird in einem separaten Artikel behandelt: Betriebsanleitung mit KI erstellen: Möglichkeiten, Grenzen und rechtliche Herausforderungen

KI-Problem: Formulierung sicherheitsrelevanter Hinweise erfordert Kenntnis der Restrisiken aus Stufe 1 und 2.

6. Rechtliche Verantwortung kann nicht delegiert werden

Kernproblem:

Der Hersteller trägt die alleinige rechtliche Verantwortung für:

  • Die Vollständigkeit und Korrektheit der Risikobeurteilung
  • Die Auswahl und Umsetzung von Schutzmaßnahmen
  • Die CE-Konformität des Produkts

Rechtslage:

  • Die Produkthaftung ist verschuldensunabhängig
  • Bei Unfällen wird geprüft, ob die Risikobeurteilung sorgfältig durchgeführt wurde
  • Der Verweis auf KI-Tools ist keine Haftungsminderung

Vergleich: Auch wenn Sie einen externen Dienstleister beauftragen, bleiben Sie verantwortlich. Bei KI-Tools gilt dasselbe Prinzip – nur dass die KI keine Haftung übernehmen kann.

Mehr erfahren: Unterschied zwischen Risikobeurteilung und Gefährdungsbeurteilung

7. Datenschutz und Datensicherheit

DSGVO-Risiken bei KI-Nutzung:

Bei der Nutzung von KI-Tools für Risikobeurteilungen entstehen Datenschutzrisiken:

Risiko
Beschreibung
Rechtsfolge
Übertragung sensibler Daten
Konstruktionsdaten, technische Spezifikationen an Cloud-KI
Geschäftsgeheimnisse gefährdet
Verarbeitung außerhalb EU
Server in den USA (OpenAI, Google)
DSGVO-Verstoß möglich
Fehlende Löschgarantien
Daten können nicht vollständig gelöscht werden
Dauerhafte Datenspeicherung
Training mit Ihren Daten
KI lernt aus Eingaben (bei vielen Diensten)
Wettbewerber könnten ähnliche Infos erhalten

Besonders kritisch:

  • Konstruktionszeichnungen
  • Steuerungsprogramme
  • Stücklisten mit Lieferanteninformationen
  • Kundenspezifische Anpassungen

Lösungsansätze:

  • On-Premise-KI-Lösungen (lokale Installation)
  • Unternehmens-KI-Lösungen, z. B. Azure OpenAI Service mit Datenhoheit in EU
  • Anonymisierung (nur sehr begrenzt möglich bei technischen Details)
  • Klare Datenschutzrichtlinien für Mitarbeiter

Wichtig: Auch bei gekauften KI-Lösungen müssen Auftragsverarbeitungsverträge (AVV) geprüft werden.

8. Technische Beschränkungen von KI-Systemen

Weitere limitierende Faktoren:

Halluzinationen

KI erfindet plausibel klingende, aber falsche Informationen:

Beispiel:

  • KI-Aussage: „Die Maschine ist gemäß EN 12345-67 zu prüfen“
  • Problem: Diese Norm existiert nicht

Aktualität

  • Wissensstichtag (z. B. Januar 2025)
  • Neue Normen, Richtlinienänderungen, technische Regeln fehlen
  • Keine Berücksichtigung aktueller Unfallanalysen

Fehlende Multimodalität

  • Begrenzte Fähigkeit zur Interpretation technischer Zeichnungen
  • Keine Verarbeitung von CAD-Daten
  • Eingeschränktes Verständnis von Schaltplänen und Diagrammen

Determinismus

  • KI-Outputs sind nicht reproduzierbar
  • Gleiche Frage kann unterschiedliche Antworten liefern
  • Versionskontrolle wird erschwert

Spezielle Heraus­forderungen bei der CE-Konformitäts­bewertung

Der gesamte CE-Prozess umfasst weit mehr als die Risikobeurteilung. KI stößt auch hier an Grenzen:

1. Anwendbare Richtlinien ermitteln

Das Problem: Für eine Maschine können mehrere EU-Richtlinien gleichzeitig gelten:

  • Maschinenrichtlinie 2006/42/EG bzw. Maschinenverordnung 2023/1230
  • Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU
  • EMV-Richtlinie 2014/30/EU
  • ATEX-Richtlinie (bei explosionsgefährdeten Bereichen)
  • Druckgeräterichtlinie (bei Druckbehältern)
  • Funkgeräterichtlinie (bei Funkschnittstellen)
  • und weitere

Herausforderung:

  • Überschneidungen und Widersprüche zwischen Richtlinien
  • Abgrenzung des Anwendungsbereichs
  • Bestimmung der federführenden Richtlinie

KI-Problem:

  • Keine produktspezifische Analyse möglich
  • Interpretation von Anwendungsbereichen erfordert Rechtskenntnisse
  • Widersprüche können nicht autoritativ aufgelöst werden

2. Harmonisierte Normen identifizieren

Normenhierarchie verstehen:

  • A-Normen: Grundlegende Sicherheitsgrundsätze (z. B. EN ISO 12100)
  • B-Normen: Sicherheitsaspekte oder Schutzeinrichtungen (z. B. EN ISO 13849-1, EN ISO 13855)
  • C-Normen: Produktspezifische Normen (z. B. EN 692 für Pressen, EN 201 für Spritzgießmaschinen)

Herausforderung:

  • Welche C-Norm ist für diese spezifische Maschine anwendbar?
  • Welche B-Normen werden von der C-Norm referenziert?
  • Welche Norm-Version ist aktuell harmonisiert?

KI-Problem:

  • Keine Kenntnis der vollständigen Normlandschaft
  • Keine Zugriff auf aktuelle Harmonisierungslisten im EU-Amtsblatt
  • Interpretation der Anwendbarkeit erfordert Fachkenntnis

Wichtig: Die Vermutungswirkung harmonisierter Normen greift nur bei korrekter Anwendung der aktuell harmonisierten Version.

3. Technische Dokumentation zusammenstellen

Bestandteile der technischen Dokumentation nach Maschinenrichtlinie:

  • Konstruktionsunterlagen (Zeichnungen, Schaltpläne)
  • Risikobeurteilung
  • Liste der angewandten Normen
  • Prüfberichte und Berechnungen
  • Herstellererklärungen von Zulieferern
  • Betriebsanleitung
  • EU-Konformitätserklärung

Herausforderung:

  • Vollständigkeit sicherstellen
  • Konsistenz zwischen Dokumenten gewährleisten
  • Zuliefererdokumentation beschaffen und prüfen

KI-Problem:

  • Keine Zugriff auf interne Unternehmensdokumente
  • Keine Möglichkeit zur Vollständigkeitsprüfung ohne Produktkenntnis
  • Keine Bewertung der inhaltlichen Konsistenz

4. Konformitätserklärung ausstellen

Die EU-Konformitätserklärung ist eine rechtsverbindliche Erklärung:

  • Name und Anschrift des Herstellers
  • Beschreibung der Maschine (Typ, Seriennummer)
  • Erklärung der Konformität mit allen anwendbaren Richtlinien
  • Liste der angewandten harmonisierten Normen
  • Angabe der benannten Stelle (falls erforderlich)
  • Unterschrift des Bevollmächtigten

Rechtliche Verantwortung:

  • Der Unterzeichner haftet persönlich für die Richtigkeit
  • Falsche Angaben können strafrechtliche Konsequenzen haben
  • Die Erklärung ist Voraussetzung für das Inverkehrbringen

KI-Problem:

  • KI kann keine rechtsverbindlichen Erklärungen abgeben
  • Keine Übernahme von Haftung
  • Keine Zeichnungsberechtigung

Mehr erfahren: CE-Kennzeichnung: Pflicht oder Chance?

Neue Maschinen­verordnung 2023/1230: KI als zusätzliche Herausforderung

Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, die ab dem 20. Januar 2027 die Maschinenrichtlinie ablöst, bringt neue Anforderungen – insbesondere im Bereich KI-Systeme in Maschinen und Cybersecurity.

KI-Systeme in Maschinen müssen in der Risikobeurteilung berücksichtigt werden

Neue Anforderungen:

Wenn Maschinen KI-gestützte Steuerungen oder autonome Funktionen enthalten, muss die Risikobeurteilung:

  • KI-spezifische Gefährdungen identifizieren
  • Unvorhersehbares Verhalten von Lernalgorithmen bewerten
  • Datenqualität und -sicherheit berücksichtigen
  • Transparenz der Entscheidungsprozesse sicherstellen

Beispiele:

  • Autonome mobile Roboter (AMR) mit KI-basierter Navigation
  • Werkzeugmaschinen mit selbstlernender Prozessoptimierung
  • Predictive Maintenance mit KI-Algorithmen

Mehr erfahren: Neue Maschinenverordnung 2023/1230

Cybersecurity als neuer Aspekt

Anhang III der Maschinenverordnung enthält neue Anforderungen:

1.1.9 Schutz gegen Korrumpierung

Maschinen müssen geschützt werden gegen:

  • Unbefugte Zugriffe auf Steuerungssysteme
  • Manipulation von sicherheitsrelevanten Daten
  • Cyberangriffe, die die Sicherheit beeinträchtigen

Anforderungen:

  • Sichere Softwareupdates
  • Zugriffsschutz auf sicherheitsrelevante Parameter
  • Authentifizierung und Autorisierung
  • Protokollierung sicherheitsrelevanter Ereignisse

Hinweis: Die EU hat im Februar 2025 einen Antrag auf Aufschub der Cybersecurity- und KI-Anforderungen gestellt, da die unterstützenden Normen noch nicht verfügbar sind. Hersteller sollten dennoch mit der Vorbereitung beginnen.

KI zur Bewertung von KI? (Paradoxon)

Die zentrale Frage: Kann KI genutzt werden, um KI-Systeme in Maschinen zu bewerten?

Das Paradoxon:

  • KI-Systeme in Maschinen sind selbst Gegenstand der Risikobeurteilung
  • Die Bewertung erfordert Verständnis von ML-Algorithmen, Trainingsdaten, Fehlerverhalten
  • Eine KI zur Bewertung würde dieselben Unsicherheiten aufweisen

Fazit: Die Bewertung von KI-basierten Maschinenfunktionen erfordert spezialisierte Fachexpertise in KI-Sicherheit, funktionale Sicherheit und Cybersecurity – Bereiche, in denen menschliches Urteilsvermögen unverzichtbar ist.

Mehr erfahren: Funktionale Sicherheit

Sinnvolle Einsatzbereiche von KI im CE-Prozess

Trotz aller Limitationen kann KI in bestimmten Teilbereichen unterstützen – wenn sie richtig eingesetzt wird:

1. Vorrecherche von Normen (unter Vorbehalt der Prüfung)

Wie KI helfen kann:

  • Identifikation potenziell relevanter Normen basierend auf Maschinentyp
  • Übersicht über A-, B-, C-Normen-Struktur
  • Zusammenfassung öffentlich verfügbarer Leitfäden

Beispiel: Frage: „Welche Normen sind für eine hydraulische Presse relevant?“ KI-Antwort: Übersicht über EN ISO 12100, EN 692, EN ISO 13849-1, EN 60204-1

Wichtig:
✅ Als Ausgangspunkt für Recherche nutzen
Nicht als abschließende Normenliste verlassen
Immer aktuelle Harmonisierungslisten prüfen
Vollständige Normen beschaffen und lesen

2. Dokumentationsvorlagen

Wie KI helfen kann:

  • Strukturvorschläge für Risikobeurteilungs-Dokumente
  • Tabellenformate für Gefährdungslisten
  • Gliederungsvorschläge für technische Dokumentation

Beispiel: KI erstellt Excel-Vorlage mit Spalten:

  • Lebenszyklus-Phase
  • Gefährdung
  • Gefährdungssituation
  • Schadensausmaß
  • Eintrittswahrscheinlichkeit
  • Risikoeinschätzung
  • Schutzmaßnahmen
  • Restrisiko

Wichtig:
✅ Vorlage als Arbeitshilfe nutzen
Keine vorgefüllten Inhalte ungeprüft übernehmen

3. Konsistenzprüfung von Texten

Wie KI helfen kann:

  • Terminologieprüfung über verschiedene Dokumente
  • Rechtschreibung und Grammatik
  • Identifikation von Widersprüchen in Formulierungen

Beispiel: KI erkennt, dass in der Risikobeurteilung von „NOT-HALT“ und in der Betriebsanleitung von „Notaus“ gesprochen wird → Hinweis auf inkonsistente Terminologie

Wichtig:
✅ Als Qualitätssicherungs-Werkzeug nutzen
Keine inhaltliche Bewertung durch KI

4. Übersetzungsunterstützung

Wie KI helfen kann:

  • Rohübersetzungen von Gefährdungsbeschreibungen
  • Terminologiedatenbanken pflegen
  • Mehrsprachige Dokumentation beschleunigen

Beispiel: Deutsche Gefährdungsbeschreibung → KI-Rohübersetzung in 20 Sprachen → Fachliche Nachbearbeitung durch muttersprachliche technische Redakteure

Wichtig:
✅ Als Rohübersetzung für Zeitersparnis nutzen
Keine ungeprüften Übersetzungen in sicherheitsrelevanten Dokumenten verwenden

5. Verwaltung von Dokumenten

Wie KI helfen kann:

  • Dokumentenklassifikation und Verschlagwortung
  • Versionskontrolle unterstützen
  • Metadaten automatisch erfassen

Beispiel: KI erkennt in einem PDF, dass es sich um eine Risikobeurteilung handelt, extrahiert Datum, Produkt und Version

Wichtig:
✅ Als Dokumentenmanagement-Unterstützung nutzen
Keine inhaltliche Bewertung der Dokumente durch KI

Haftungsrechtliche und regulatorische Risiken

Die unsachgemäße Nutzung von KI im CE-Prozess birgt erhebliche rechtliche Risiken:

1. Produkthaftung bei Unfällen

Rechtslage: Nach dem Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) haftet der Hersteller verschuldensunabhängig für Schäden durch fehlerhafte Produkte. Fehlerhafte Risikobeurteilung = fehlerhaftes Produkt Bei einem Arbeitsunfall wird geprüft:
  • War die Risikobeurteilung vollständig?
  • Wurden alle Gefährdungen identifiziert?
  • Waren die Schutzmaßnahmen angemessen?
  • Wurde die Betriebsanleitung korrekt aus der Risikobeurteilung abgeleitet?
Wenn eine KI-generierte Risikobeurteilung:
  • ❌ Gefährdungen übersehen hat
  • ❌ Risiken falsch bewertet hat
  • ❌ Ungeeignete Schutzmaßnahmen vorgeschlagen hat
… haftet der Hersteller vollumfänglich, auch wenn die Fehler von der KI stammen. Schadenersatzansprüche können umfassen:
  • Personenschäden (Behandlungskosten, Schmerzensgeld, Erwerbsausfall)
  • Sachschäden
  • Produktionsausfälle beim Betreiber
  • Rückrufkosten

2. Bußgelder bei fehlerhafter CE-Kennzeichnung

Marktüberwachungsbehörden prüfen:

  • Vollständigkeit der technischen Dokumentation
  • Korrektheit der Risikobeurteilung
  • Anwendung harmonisierter Normen
  • Rechtmäßigkeit der EU-Konformitätserklärung

Mögliche Konsequenzen:

  • Bußgelder bis zu mehreren 100.000 Euro
  • Vertriebsverbot für nicht-konforme Produkte
  • Pflicht zur Nachbesserung aller ausgelieferten Maschinen
  • Öffentliche Warnungen durch Behörden

Beispiel: Eine Maschine wird mit fehlerhafter CE-Kennzeichnung in Verkehr gebracht, weil die KI-generierte Risikobeurteilung eine wesentliche Gefährdung nicht enthielt → Marktüberwachung ordnet Rückruf an.

3. Marktüberwachung und Kontrollen

Risiko: Bei Stichproben oder anlassbezogenen Prüfungen wird die Nachvollziehbarkeit der Risikobeurteilung geprüft.

Probleme bei KI-Nutzung:

  • Wie wurde die Risikobeurteilung erstellt?
  • Wer hat fachlich geprüft?
  • Sind die Aussagen nachvollziehbar und belegbar?

Wenn nicht dokumentiert ist, dass KI-Outputs fachlich geprüft wurden: → Verdacht mangelnder Sorgfalt → Anzweiflung der Konformität

4. Rückrufaktionen und Vertriebsverbote

Szenario: Nach einem Unfall wird festgestellt, dass die Risikobeurteilung unvollständig war.

Folgen:

  • Rückruf aller betroffenen Maschinen
  • Nachrüstung mit zusätzlichen Schutzeinrichtungen
  • Haftung für alle entstandenen Kosten

Kostenbeispiel:

  • Rückruf von 50 Maschinen
  • Nachrüstung mit Lichtvorhang: 2.000 € pro Maschine
  • Anfahrtskosten und Stillstandszeiten: 3.000 € pro Maschine
  • Gesamtkosten: 250.000 €

5. Strafrechtliche Konsequenzen

Im Extremfall: Bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz können strafrechtliche Konsequenzen drohen:

  • Körperverletzung (§§ 223 ff. StGB)
  • Fahrlässige Tötung (§ 222 StGB)
  • Inverkehrbringen gefährlicher Produkte (§ 95 ProdSG)

Verantwortliche Personen:

  • Geschäftsführer
  • Technische Leiter
  • CE-Koordinatoren
  • Qualitätsverantwortliche

6. Versicherungsschutz bei KI-Nutzung?

Kritische Frage: Deckt die Produkthaftpflichtversicherung Schäden, die durch fehlerhafte KI-generierte Risikobeurteilungen entstanden sind?

Prüfpunkte:

  • Sind KI-generierte Inhalte im Versicherungsschutz enthalten?
  • Wurde die Nutzung von KI-Tools dem Versicherer gemeldet?
  • Gibt es Ausschlussklauseln für automatisierte Prozesse?

Empfehlung: Klären Sie mit Ihrem Versicherer, ob und unter welchen Bedingungen KI-unterstützte Prozesse versichert sind.

Praxisfälle und Beispiele

Konkrete Beispiele verdeutlichen die Problematik:

Beispiel 1: Generische Gefährdungsliste vs. maschinenspezifische Realität

Szenario: Ein Hersteller nutzt ChatGPT, um eine Gefährdungsliste für eine hydraulische Biegemaschine zu erstellen.

KI-Output:

  • Quetschgefahr durch bewegliche Teile
  • Elektrische Gefährdung
  • Lärm
  • Hydraulikflüssigkeit unter Druck

Was fehlt:

  • Konkrete Quetschstellen: zwischen Biegewange und Werkstückanschlag, zwischen Gegenhalterelementen
  • Spezifische elektrische Gefährdung: 400V-Anschluss an der Rückseite, zugänglich bei Wartung
  • Schergefahr an Schneidkante des Oberwerkzeugs
  • Gefährdung durch Werkstückrückstoß bei Materialbruch
  • Gefährdung durch unkontrollierte Bewegung bei Druckabfall
  • Gefährdung bei Rüstarbeiten: manuelles Einsetzen schwerer Werkzeuge

Folge: Eine unvollständige Risikobeurteilung führt zu unzureichenden Schutzmaßnahmen.

Beispiel 2: Fehlende Normkenntnis führt zu Lücken

Szenario: KI wird gefragt: „Welche Schutzeinrichtung ist für eine Presse erforderlich?“

KI-Antwort: „Eine Zweihandschaltung oder ein Lichtvorhang sollte verwendet werden.“

Was fehlt:

  • Berechnung des Sicherheitsabstands nach EN ISO 13855
  • Erforderlicher Performance Level (PL) nach EN ISO 13849-1
  • Berücksichtigung der C-Norm EN 692 für mechanische Pressen
  • Prüfung, ob Zweihandschaltung bei dieser Pressenart überhaupt zulässig ist
  • Muting-Funktionen für Werkstückdurchlauf
  • Anforderungen an die sichere Steuerung (Kategorie, MTTF)

Folge: Falsche oder unvollständige Schutzmaßnahmen gefährden Bediener und führen zu Nicht-Konformität.

Beispiel 3: Falsche Risikobewertung durch KI

Szenario: KI wird gebeten, das Risiko einer Quetschgefahr zu bewerten.

KI-Output: „Schadensausmaß: S2 (schwer), Häufigkeit: F1 (selten), Vermeidbarkeit: P1 (möglich) → Performance Level d erforderlich“

Problem:

  • KI kennt die tatsächliche Nutzungshäufigkeit nicht (ist es Dauerbetrieb oder Gelegenheitsnutzung?)
  • Keine Kenntnis der Sichtbarkeit und Erkennbarkeit der Gefährdung
  • Keine Berücksichtigung der Reaktionszeit bei diesem spezifischen Bewegungsablauf

Korrekte Bewertung erfordert:

  • Beobachtung der tatsächlichen Nutzung
  • Messung von Geschwindigkeiten und Reaktionszeiten
  • Berücksichtigung ergonomischer Faktoren

Folge: Performance Level zu niedrig → Schutzmaßnahme unzureichend → Unfall möglich

Anonymisierte Praxiserfahrung

Fall aus der Beratungspraxis (anonymisiert):

Ein mittelständischer Maschinenbauer wollte Zeit sparen und ließ eine KI eine Risikobeurteilung für eine Sondermaschine erstellen. Die KI generierte ein 15-seitiges Dokument mit strukturierten Tabellen.

Bei der fachlichen Prüfung stellte sich heraus:

  • 30% der aufgeführten Gefährdungen waren für diese Maschine nicht relevant
  • 40% der tatsächlichen Gefährdungen fehlten vollständig
  • Die Risikobewertungen waren generisch und nicht auf die tatsächlichen Betriebsbedingungen abgestimmt
  • Verweis auf eine nicht existierende Norm (Halluzination)
  • Schutzmaßnahmen waren teilweise technisch nicht umsetzbar

Ergebnis: Die komplette Risikobeurteilung musste neu erstellt werden – mit mehr Zeitaufwand als ohne KI.

Lesson learned: KI kann Zeit sparen – aber nur, wenn sie für die richtigen Aufgaben eingesetzt wird. Bei komplexen, sicherheitskritischen Bewertungen ist menschliche Expertise unersetzlich.

Best Practices: KI sinnvoll einsetzen

Wenn Sie KI im CE-Prozess nutzen möchten, beachten Sie folgende Best Practices:

1. KI als Recherche-Tool, nicht als Entscheidungsinstanz

Goldene Regel: KI kann vorschlagen, zusammenfassen, strukturieren – aber nicht entscheiden, bewerten, verantworten.

Praktische Umsetzung:
✅ KI für Literaturrecherche nutzen
✅ KI für Strukturvorschläge verwenden
❌ KI keine Risikobewertungen durchführen lassen
❌ KI keine Schutzmaßnahmen auswählen lassen

2. Alle KI-Outputs von Fachpersonal prüfen lassen

Mehrstufiger Prüfprozess:

Prüfschritt
Verantwortlich
Prüfkriterien
1. Technische Prüfung
Konstrukteur / Ingenieur
Sind alle technischen Angaben korrekt?
2. Sicherheitsprüfung
Sicherheitsfachkraft
Sind alle Gefährdungen erfasst?
3. Normprüfung
CE-Koordinator
Werden alle Normen korrekt angewandt?
4. Rechtliche Prüfung
QM-Beauftragter / Rechtsabteilung
Sind alle rechtlichen Anforderungen erfüllt?
5. Freigabe
Geschäftsführung / Bevollmächtigter
Finale Verantwortungsübernahme

Wichtig: Jeder Prüfschritt muss dokumentiert werden (Name, Datum, Ergebnis).

3. Dokumentation der menschlichen Überprüfung

Was dokumentiert werden sollte:

  • Welche Abschnitte wurden KI-unterstützt erstellt?
  • Welches KI-Tool wurde verwendet?
  • Wer hat die fachliche Prüfung durchgeführt?
  • Welche Änderungen wurden vorgenommen?
  • Datum der Freigabe und Verantwortlicher

Beispiel-Dokumentation:

Kapitel 3.2 „Gefährdungsidentifikation“ wurde mittels ChatGPT (Version 4, Stand Januar 2025) als Strukturvorlage erstellt. Die inhaltliche Ausarbeitung erfolgte durch Dipl.-Ing. M. Müller (Sicherheitsfachkraft). Fachliche Prüfung und Freigabe: Dipl.-Ing. S. Schmidt (CE-Koordinator), 15.03.2025.

Zweck: Bei Audits, Behördenprüfungen oder Unfalluntersuchungen nachweisen können, dass die erforderliche Sorgfalt angewandt wurde.

4. Klare Verantwortlichkeiten definieren

Organisatorische Regelungen:

  • Wer darf KI-Tools für welche Aufgaben nutzen?
  • Wer ist für die fachliche Prüfung verantwortlich?
  • Wer gibt finale Dokumente frei?
  • Wie werden Änderungen nachverfolgt?

Beispiel-Regelung:

KI-Tools dürfen zur Unterstützung bei Recherche und Strukturierung genutzt werden. Alle sicherheitsrelevanten Inhalte (Risikobeurteilung, Schutzmaßnahmen) müssen von qualifizierten Ingenieuren erstellt und von der CE-Koordination geprüft werden. Die Nutzung von KI-Tools ist in der Dokumenthistorie zu vermerken.

5. Schulung von Mitarbeitern

Inhalte von KI-Schulungen:

  • Möglichkeiten und Grenzen von KI
  • Erkennung von Halluzinationen
  • Kritische Prüfung von KI-Outputs
  • Datenschutz bei KI-Nutzung
  • Unternehmensrichtlinien zur KI-Nutzung

Ziel: Mitarbeiter befähigen, KI als Werkzeug sinnvoll zu nutzen, ohne sich blind darauf zu verlassen.

6. Datenschutzkonforme Tools wählen

Checkliste für KI-Tool-Auswahl:
  • ✅ DSGVO-konform (Datenverarbeitung in EU)?
  • ✅ Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) verfügbar?
  • ✅ Keine Nutzung der Daten für Training?
  • ✅ Löschgarantien vorhanden?
  • ✅ On-Premise-Installation möglich?
Empfehlung: Bevorzugen Sie Unternehmenslösungen (z. B. Microsoft Azure OpenAI Service mit Datenhoheit in EU) gegenüber öffentlichen Consumer-Diensten.

7. Kontinuierliche Verbesserung

Feedback-Prozess etablieren:

  • Wo hat KI tatsächlich Zeit gespart?
  • Wo hat KI Fehler produziert?
  • Welche Prüfprozesse sind erforderlich?
  • Wie kann der Workflow optimiert werden?

Ziel: Lernen, wo KI sinnvoll ist und wo sie mehr Aufwand verursacht als Nutzen bringt.

Fazit: KI unterstützt, ersetzt aber nicht die Fachexpertise

Nach objektiver Analyse der technischen Möglichkeiten, methodischen Anforderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen lässt sich ein klares Fazit ziehen:

Kernaussagen

  1. KI kann wertvolle Unterstützung bieten – aber keine Komplettlösung
KI-Tools können bei bestimmten Teilaufgaben helfen:
  • ✅ Recherche öffentlich verfügbarer Informationen
  • ✅ Strukturvorschläge für Dokumente
  • ✅ Formulierungshilfen
  • ✅ Übersetzungsunterstützung
  • ✅ Konsistenzprüfung
Aber:
  • ❌ Keine eigenständige Risikobeurteilung nach EN ISO 12100
  • ❌ Keine vollständige CE-Konformitätsbewertung
  • ❌ Keine rechtsverbindliche Verantwortungsübernahme
  1. Die spezifischen Anforderungen sind anspruchsvoll
Risikobeurteilungen erfordern:
  • Detaillierte Kenntnis der spezifischen Maschine
  • Physische Inspektion und Gefährdungsanalyse
  • Aktuelle Normkenntnis (kostenpflichtige harmonisierte Normen)
  • Erfahrung in Maschinensicherheit
  • Ingenieurmäßiges Urteilsvermögen
  • Rechtliche Verantwortungsübernahme
Alle diese Aspekte kann KI nicht leisten.
  1. Rechtliche Verantwortung ist unübertragbar
  • Der Hersteller haftet für fehlerhafte Risikobeurteilungen
  • Produkthaftung ist verschuldensunabhängig
  • KI kann keine Haftung übernehmen
  • Verweis auf KI-Tools ist keine Haftungsminderung
  1. Hybride Ansätze sind der richtige Weg
Die Zukunft liegt in der intelligenten Zusammenarbeit von Mensch und KI:
Aufgabe
KI-Unterstützung
Menschliche Expertise
Normenrecherche
✅ Vorschläge sammeln
✅ Prüfen, aktualisieren, vollständige Normen beschaffen
Strukturierung
✅ Vorlagen erstellen
✅ An Produkt anpassen
Gefährdungsidentifikation
❌ Nicht geeignet
✅ Physische Inspektion, Erfahrung
Risikobewertung
❌ Nicht geeignet
✅ Produktspezifische Bewertung
Schutzmaßnahmen
❌ Nicht geeignet
✅ Technische Auslegung
Dokumentation
✅ Formatierung, Konsistenz
✅ Inhaltliche Korrektheit
Übersetzung
✅ Rohübersetzung
✅ Fachliche Nachbearbeitung
Freigabe
❌ Nicht möglich
✅ Rechtliche Verantwortung
  1. Qualität und Sicherheit vor Schnelligkeit

Die Verlockung ist groß, mit KI Zeit zu sparen. Aber:

  • Eine fehlerhafte Risikobeurteilung gefährdet Menschenleben
  • Rechtliche und finanzielle Risiken überwiegen Zeitersparnis
  • Professionelle Risikobeurteilungen sind Investitionen in Sicherheit
  1. Die neue Maschinenverordnung erhöht die Komplexität

Mit Cybersecurity und KI-Systemen in Maschinen kommen zusätzliche Anforderungen hinzu, die spezialisierte Fachkenntnis erfordern.

Mehr erfahren: Neue Maschinenverordnung 2023/1230

Empfehlung für die Praxis

Wenn Sie KI nutzen möchten:

  1. Setzen Sie KI für klar definierte Teilaufgaben ein (Recherche, Struktur, Übersetzung)
  2. Implementieren Sie strikte Review-Prozesse
  3. Dokumentieren Sie den Erstellungsprozess
  4. Beachten Sie Datenschutz (DSGVO-konforme Tools)
  5. Behalten Sie fachliche Kontrolle bei allen sicherheitsrelevanten Inhalten

Wenn Sie rechtssicher und effizient vorgehen möchten:

  • Nutzen Sie die Expertise von Fachdienstleistern für Risikobeurteilungen
  • Lassen Sie sich bei der Implementierung von KI-Workflows beraten
  • Stellen Sie durch professionelle Review-Prozesse die Rechtskonformität sicher

Sie benötigen Unterstützung bei der Erstellung rechtskonformer Risikobeurteilungen?

Unsere Experten führen vollständige, normgerechte Risikobeurteilungen nach EN ISO 12100 durch – ob mit oder ohne KI-Integration.

Mehr über Risikobeurteilungen erfahren | Kontakt aufnehmen

Abschließende Bewertung

KI ist ein hilfreiches Werkzeug, das bestimmte Aspekte des CE-Prozesses erleichtern kann. Sie ist aber kein Ersatz für:

  • Fachliche Expertise in Maschinensicherheit
  • Produktspezifisches Wissen
  • Rechtliche Verantwortungsübernahme
  • Ingenieurmäßiges Urteilsvermögen

Die Schlussfolgerung ergibt sich nicht aus einer grundsätzlichen Ablehnung von KI, sondern aus der objektiven Analyse der technischen, methodischen und rechtlichen Anforderungen an Risikobeurteilungen und CE-Konformitätsbewertungen.

Risikobeurteilungen sind zu komplex, zu produktspezifisch und zu rechtlich bedeutsam, um sie einer KI zu überlassen.

Die Zukunft der CE-Konformitätsbewertung liegt in der intelligenten Zusammenarbeit von Mensch und KI – mit klaren Rollen, Verantwortlichkeiten und Qualitätssicherungsprozessen.

Sie möchten KI sinnvoll in Ihre CE-Prozesse integrieren – ohne rechtliche Risiken einzugehen?

Jetzt Webinar oder Individualschulung mit unseren Experten buchen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann KI eine vollständige Risikobeurteilung erstellen?
Nein. KI kann bei Teilaufgaben unterstützen (Strukturierung, Recherche, generische Vorschläge), aber keine vollständige, rechtskonforme Risikobeurteilung nach EN ISO 12100 erstellen. Folgende Aspekte sind zwingend erforderlich und können von KI nicht geleistet werden: physische Inspektion der Maschine, Identifikation produktspezifischer Gefährdungen, Bewertung basierend auf tatsächlichen Betriebsbedingungen, Auswahl und Auslegung konkreter Schutzmaßnahmen, rechtliche Verantwortungsübernahme.
Ist eine KI-generierte CE-Dokumentation rechtskonform?
Nein. Eine ausschließlich von KI generierte CE-Dokumentation erfüllt nicht die rechtlichen Anforderungen der Maschinenrichtlinie/Maschinenverordnung. Die CE-Konformitätsbewertung erfordert produktspezifische technische Dokumentation, vollständige Risikobeurteilung, korrekte Anwendung harmonisierter Normen, rechtsverbindliche EU-Konformitätserklärung mit Unterschrift des Bevollmächtigten. Alle diese Aspekte erfordern menschliche Fachexpertise und Verantwortungsübernahme. KI kann nur Teilaufgaben unterstützen.
Welche KI-Tools eignen sich für CE-Prozesse?
Für Teilaufgaben im CE-Prozess können verschiedene KI-Tools unterstützen: ChatGPT/Claude/Gemini für allgemeine Recherche und Strukturvorschläge, DeepL/Google Translate für Übersetzungen (mit fachlicher Nachbearbeitung), Document Intelligence Tools für Dokumentenanalyse, Acrolinx für Konsistenzprüfung (in Redaktionssystemen). Wichtig: Kein Tool kann eigenständig sicherheitsrelevante Bewertungen vornehmen. Nutzen Sie DSGVO-konforme Lösungen und dokumentieren Sie alle Prüfprozesse.
Wo kann KI bei der Risikobeurteilung sinnvoll helfen?
KI kann bei folgenden Aufgaben unterstützen: Strukturvorlagen für Risikobeurteilungs-Dokumente erstellen, generische Gefährdungskataloge als Ausgangspunkt für Checklisten vorschlagen, öffentlich verfügbare Normen und Leitfäden recherchieren, Formulierungshilfen für Gefährdungsbeschreibungen bieten, Konsistenzprüfung von Terminologie, Rohübersetzungen für mehrsprachige Dokumentation. Alle Outputs müssen von qualifizierten Ingenieuren fachlich geprüft, produktspezifisch angepasst und freigegeben werden.
Was sind die größten Risiken bei KI-Nutzung im CE-Prozess?
Die Hauptrisiken sind: Unvollständige Gefährdungsidentifikation (Übersehen sicherheitskritischer Gefährdungen), Halluzinationen (erfundene Normen, falsche technische Angaben), fehlende produktspezifische Anpassung, Produkthaftung bei Unfällen durch fehlerhafte KI-Inhalte, Datenschutzverstöße durch Übermittlung sensibler Konstruktionsdaten, rechtliche Konsequenzen bei fehlerhafter CE-Kennzeichnung, Verlust des Versicherungsschutzes bei nicht gemeldeter KI-Nutzung. Diese Risiken überwiegen potenzielle Zeitersparnisse erheblich.
Wer haftet, wenn eine KI-generierte Risikobeurteilung fehlerhaft ist?
Der Hersteller haftet vollumfänglich für fehlerhafte Risikobeurteilungen – unabhängig davon, ob sie von KI, Dienstleistern oder intern erstellt wurden. Die Produkthaftung nach ProdHaftG ist verschuldensunabhängig. Die Nutzung von KI-Tools ist kein Haftungsausschluss. Der Verweis "Das hat die KI erstellt" ist rechtlich irrelevant und kann sogar als mangelnde Sorgfaltspflicht ausgelegt werden. Bei Arbeitsunfällen können neben zivilrechtlicher Haftung auch strafrechtliche Konsequenzen (fahrlässige Körperverletzung/Tötung) für verantwortliche Personen drohen.
Kennt KI harmonisierte Normen wie EN ISO 12100?
Nur sehr eingeschränkt. Harmonisierte Normen (z. B. EN ISO 12100, EN ISO 13849-1, produktspezifische C-Normen) sind kostenpflichtig und urheberrechtlich geschützt. Sie sind nicht vollständig in den Trainingsdaten von KI-Systemen enthalten. KI kann allgemeine Prinzipien kennen (z. B. "Risikobeurteilung sollte systematisch erfolgen"), aber keine detaillierten, normkonformen Umsetzungen liefern. Zudem haben KI-Modelle einen festen Wissensstichtag und kennen aktuelle Normänderungen nicht. Fachliche Normrecherche und -anwendung durch Experten ist unverzichtbar.
Was sagt die neue Maschinenverordnung 2023/1230 zu KI?
Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 (ab 20.01.2027) adressiert KI in zweierlei Hinsicht: 1. KI-Systeme in Maschinen müssen in der Risikobeurteilung berücksichtigt werden (unvorhersehbares Verhalten, Cybersecurity, Datenqualität). 2. Neue Anforderungen an Cybersecurity (Anhang III, 1.1.9: Schutz gegen Korrumpierung). Die Verordnung reguliert KI als Risikofaktor in Maschinen, nicht als Werkzeug zur Erstellung von Risikobeurteilungen. Es gibt keine Erleichterungen für KI-unterstützte Dokumentation – die Anforderungen bleiben identisch.
Muss ich kennzeichnen, wenn ich KI für die Risikobeurteilung genutzt habe?
Es gibt aktuell keine gesetzliche Pflicht zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte in CE-Dokumentation. Allerdings ist es im Rahmen des Qualitätsmanagements dringend empfohlen, intern zu dokumentieren: welche Teile KI-unterstützt erstellt wurden, welches Tool verwendet wurde, wer die fachliche Prüfung durchgeführt hat, welche Änderungen vorgenommen wurden, Datum und Name des Freigabeberechtigten. Dies dient der Nachweisführung bei Audits, Behördenprüfungen oder im Haftungsfall.
Kann KI bei der Auswahl von Schutzmaßnahmen helfen?
Nur sehr eingeschränkt. KI kann generische Beispiele nennen (z. B. "Bei Quetschgefahr können trennende Schutzeinrichtungen oder Lichtvorhänge eingesetzt werden"), aber nicht: die konkret geeignete Schutzeinrichtung für Ihre spezifische Gefährdung auswählen, den erforderlichen Performance Level (PL) berechnen, Sicherheitsabstände nach EN ISO 13855 dimensionieren, die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit bewerten, das 3-Stufen-Prinzip (ISK > TES > BNI) produktspezifisch anwenden. Die Auswahl und Auslegung von Schutzmaßnahmen erfordert technisches Konstruktionswissen und Erfahrung.
Wie viel Zeit kann KI bei der Risikobeurteilung sparen?
Realistische Zeitersparnis bei optimaler KI-Nutzung liegt bei 10-15% der Gesamtzeit – vor allem bei: Strukturierung der Dokumentation (20-30% Ersparnis), Recherche öffentlich verfügbarer Informationen (30% Ersparnis), Rohübersetzungen (30% Ersparnis), Formatierung und Layout (40% Ersparnis). Allerdings erhöht sich der Prüfaufwand für KI-generierte Inhalte (ca. +20-30%), da Halluzinationen, Unvollständigkeiten und fachliche Fehler identifiziert werden müssen. Bei sicherheitskritischen Inhalten (Gefährdungsidentifikation, Risikobewertung) ist KI nicht geeignet – hier entfällt Zeitersparnis.
Was muss ich beim Datenschutz beachten, wenn ich KI nutze?
Bei der Nutzung von KI-Tools für CE-Dokumentation müssen DSGVO-Anforderungen beachtet werden: Keine Übermittlung sensibler Konstruktionsdaten (CAD, Schaltpläne, Stücklisten) an öffentliche KI-Dienste, Prüfung von Auftragsverarbeitungsverträgen (AVV) bei gekauften KI-Lösungen, Bevorzugung von On-Premise- oder EU-gehosteten Lösungen, klare Datenschutzrichtlinien für Mitarbeiter (was darf in KI eingegeben werden?), Schutz von Geschäftsgeheimnissen und Know-how. Verstöße können zu Bußgeldern und Verlust von Wettbewerbsvorteilen führen.

Unsere Experten unterstützen Sie bei der normgerechten Umsetzung Ihrer Risikobeurteilung

– damit Sie sich auf Ihr Kerngeschäft konzentrieren können.

Kontaktieren Sie uns jetzt für eine unverbindliche Beratung!

Autor

Picture of Daniel Keil

Daniel Keil

CEO HighDoc Technische Dokumentation GmbH

Ihr Produkt und unsere Expertise – ein unschlagbares Team

Kontaktieren Sie uns direkt und schildern Sie Ihr Vorhaben.

Wir freuen uns auf Sie!

Weitere Beiträge
Kann KI Betriebsanleitungen erstellen? Dieser Leitfaden analysiert Möglichkeiten, rechtliche Grenzen und zeigt, wie Sie KI-Tools sinnvoll in die technische Dokumentation […]
Der Digitale Produktpass erfordert grundlegende Änderungen an Unternehmensprozessen, Produkten und deren Dokumentation. Erfahren Sie hier, was Sie jetzt tun müssen. […]
Die CE-Kennzeichnung ist mehr als nur ein Symbol. Sie ist der Schlüssel zum legalen Vertrieb Ihrer Produkte im europäischen Binnenmarkt […]
Die Funktionale Sicherheit ist ein weiterer Baustein, welcher bei der sicherheitstechnischen Betrachtung von Maschinen und Anlagen eine Rolle spielt. Wenn […]